Das schwarze Rabenkleid
#1
21. Zweitmond 321

Sie kniff ihre glasigen Augen zusammen, als unverhofft in die Dämmerung der Holzhütte helles Tageslicht einbrach. Im Lichtschacht tanzten Staub und Ruß, denn die geöffnete Tür ließ frischen Wind durch die abgestandene Luft wirbeln. Luisa, zunächst unsicher verbleibend ob noch im Fiebertraum oder mit einem Teil ihrer Sinne ins Diesseits zurückgekehrt, erkannte von ihrer dürftigen Lagerstatt aus nicht mehr als die gebeugte Silhouette einer alten Frau und die aufrechten Umrisse eines Mannes, der sich vor der Türschwelle aufbaute. Seinen Stiefel setzte er auf den Holzbalken, welcher die Grenze zwischen Erdweg und Hüttenboden markierte. Doch die Alte ließ den Mann nicht passieren.

Die Dunkelhaarige schloss ihre Augen wieder. Sie schmerzten. Sie schmerzten, wie jede einzelne Bewegung ihrer Glieder, ihres Nackens beim Versuch den Kopf zu drehen, wie ihre Brust, wenn es sie nach einem Atemzug dürstete.

„Du kannst auch heute nichts tun, Kerl. Geh und kümmer‘ dich um deine Geschäfte und bete zu den Silai.“ So krächzte es fern in Luisas Ohren. Sie versuchte über die trockenen Lippen seinen Namen zu bringen, aber der einzige Ton, der Gestalt gewann, lebte allein in ihrer Vorstellung. Und mit jenem blassen Bild seiner Erscheinung versank sie wieder in das schon seit Tagen gefangen haltende Delirium.
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#2
23. Zweitmond 321

Sie drückten sie allein mit der Kraft ihres Gewichtes zurück in die nass durchschwitzten Laken. Knochige Hände, so hart und ledern wie die Klauen des Todes. Dabei waren es nur die Finger der Alten, die dem Tode jedoch ferner waren als die Erwartungen der Dunkelhaarigen, welche die Hütte mit ihrem wimmernden Gebrüll verfluchte. Vermutlich aber dröhnte es nur allein in ihren Ohren derart in der verfälschten Vorstellung, dass ihre kratzige, schwache Stimme überhaupt zum Tosen fähig sein könnte.

„Sie haben sie mitgenommen… sie haben… meine Tochter, sie…“, drang es kummervoll über die trockenen, spröden Lippen, die so blass waren wie die ulintarisch getünchte Haut und schon lange die falsche Maske der roten Schminke missten. „Die Toten. Ihre Schreie, sie fressen…“

Hätte die alte Heilerin in den Jahren ihres entbehrungsreichen Lebens unter den Schatten dieser und anderer Städte nicht schon so einiges gehört und gesehen, vielleicht wäre sie verstörter gewesen über die Abgründe, die sich in den Fieberträumen auftaten. Aber sie war es nicht. Kannte die Schmerzen der Jüngeren, die nicht weniger lasteten als jene der Älteren. Schließlich schafften sie es mit der Unterstützung einer dritten der Frau, die sich in ihrer Obhut befand, einen Fiebertrank einzuflößen und sie wieder in einen leichteren, unbedeutsameren Schlaf zu bringen. Die Erzählungen über die wandelnden Leichen endeten vorerst.
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